Rhythmus und Struktur
 

In meiner Kindheit wurde ich mit Nicht-Überfluß in einem totalitären Staat konfrontiert, in meiner Jugend erlebte ich Überfluss und Konsum in einer Demokratie. Zwei sehr gegensätzliche Lebensumstände, die mich beide in gewisser Weise geprägt haben. Ein Spannungsfeld, aus dem heraus in den letzten Jahren die meisten meiner Arbeiten entstanden sind.

Wesentlich für meine Herangehensweise ist, grundlegende elementare Formen und Strukturen herauszuarbeiten, Unwichtiges weg zu lassen. Ich setze Formen aneinander, die kaum weiter sind. Ich verwende vorgefundene alltägliche Gebrauchs- und Ver-brauchsgegenstände. Ich erzeuge Strukturen, durch Aneinanderreihung und Wiederholung dieser Formen. Es entstehen Ordnungsstrukturen. Diese Ordnungen geben hier Halt, lassen jedoch Raum für Zufälligkeiten, für Unvorhersehbares, für nicht Steuerbares. Sie bieten Raum für Beobachtung, für eigene Wahrnehmung und eigenes Denken. Die geringe Unterschiedlichkeit der gezeichneten, gemalten, gestempelten, frottierten und der aneinander gereihten Formen, der Rhythmus der stetigen Wiederholung bricht die Gleichförmigkeit, die Langeweile. Gleich gedachte Formen gleichen sich nicht wirklich.

 

In den kleinen Dingen des Alltags öffnen sich mir Welten, in denen ich zu lesen versuche. Es werden Gesetzmäßigkeiten erkennbar und gleichzeitig erfahre ich ungeahnte Freiräume. In den kleinen Dingen des Alltags finde ich Stille.

Ich benutze für meine Arbeit Dinge unseres Alltags und gebe ihnen eine veränderte, sinnlich wahrnehmbare Form. Der Betrachter erfährt diese Alltagsgegenstände so in bis dahin vielleicht nicht gedachter und wahrgenommener Weise. Damit wird den Formen, den Dingen eine Aufmerksamkeit zuteil, wie sie ihnen bis dahin kaum geschenkt wurde.

In den kleinen Dingen des Alltags öffnen sich mir Welten, in denen ich zu lesen versuche. Es werden Gesetzmäßigkeiten erkennbar und gleichzeitig erfahre ich ungeahnte Freiräume. In den kleinen Dingen des Alltags finde ich Stille.




Beatrix Eitel

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Donaukurier Ingolstadt 1. Juli 2011

Alles Bügel oder was?

Pfaffenhofen (DK) Eine wundersame Rauminstallation ist das: Mit Gläsern voller monochromer Farbe in austarierter Folge, hochästhetischen linearen Metallformen darunter und das alles eingebunden in ein Spiel fremder Industriematerialien flächenfüllend auf dem Boden.

Doch Vorsicht: Das kleine Kabinett in der großen Kulturhalle, das scheinbar Konkrete Kunst zeigt, ist ein Augentäuscher! Das einzige Nicht-Kunstwerk der Ausstellung "Mawaart. Kunst an 1000 Bügeln" ist die Präsentation im Kabinett. Mit ihr wusste lediglich der Kleiderbügelhersteller Mawa, jener weltweit marktführende Pfaffenhofener Betrieb, seine Produkte und deren Materialien kreativ ins Licht zu rücken. Um Kleiderbügel geht es aber auch im großen Rest der Ausstellungslocation. Das liegt am Kunstwettbewerb, den Mawa für Kunstschaffende der Region zum Thema ausgeschrieben hat. Der künstlerische Blick auf das firmeneigene Produkt, einen an sich banalen Alltagsgegenstand, war einzige Vorgabe des offenen, unjurierten Wettbewerbs - entsprechend bunt ist die Schau mit Arbeiten aller 42 Einreicher geworden, die heute abend um 19.30 Uhr eröffnet wird.

Es gibt: Gemälde. Collagen. Skulpturen. Grafik. Objekte. Textilarbeiten. Installationen. Fotografie. Es gibt den Kleiderbügel als Motiv, als Malgrund, als Bildhauermaterial, als Baumodul. Und: Es gibt plakative Bastelei, originelle Hobbykunst und ernsthafte Auseinandersetzung von einzelnen Profikünstlern mit dem Thema.

Eine breite Palette ist also aufgetan für den Gast, der zwischen filigranen Türmen aus Kleiderbügeln, überraschenden hölzernen Hemden, einer Art Bügel-Seilbahn, die zwei naturhaft bemalte eckige Stelen mittel Strick an Rehgeweihen verbindet, gemalten Skaterszenen (man skatet auf Bügel statt Brett) oder aus Bügeln gedrehter machtvoller Metallspirale flanieren kann.

 

Über vieles davon muss man schmunzeln, über einiges den Kopf schütteln, und über anderes ehrfurchtsvoll staunen. Etwa über die feinen Arbeiten der Berufskünstlerin Beatrix Eitel, die zweifelsfrei zu den besten der Schau gehören. Das lineare Moment der Kleiderbügel nimmt die 47-Jährige reduziert als Bleistiftzeichnung auf Seidenpapier auf; hintereinandergelegt ergeben sich berückende, ebenso abstrakte wie narrative Formen. Wie Zeichnungen wirken auch ihre seriellen Kleiderbügel-Wandobjekte; "Drahtzeichnungen" heißen sie zurecht.

Ebenfalls Chancen auf einen der drei monetären Wettbewerbspreise - die Gewinner werden heute Abend bekannt gegeben - dürften die reflektierende Bügelspirale des Profikünstlers Heinz Bert Dreckmann oder die ruhigen linearen Radierungen von Reiner Schlamp haben. Oder wählte die Jury aus dem Amateurbereich? Da freilich wäre nur eine Entscheidung möglich: Die wunderbaren Arbeiten aus dem Kunstkurs des Schyren-Gymnasiums, jung, frisch, originell und erstaunlich künstlerisch.





Kulturhalle, bis 10. Juli, Mi bis Fr, 16 bis 19 Uhr, sowie Sa und So 15 bis 18 Uhr

Karin Derstroff

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Donaukurier Ingolstadt 4./5. Feb. 2006

Von Licht, Farbenpracht und Stille: Die Entdeckung einer Insel

Die Jahresausstellung des BBK in der Harderbastei steht unter dem Motto mit Ziel Mallorca"

Ingolstadt (DK) Die Siegergruppe residiert am hinteren Ende der Harderbastei, aber bis dahin hat man schon viel Erstaunliches gesehen. Eine meterlange Riesentafel beispielsweise mit menschengroßen Holzgenossen, Tischkickergeschirr, Flaschenpost, Dunkelkabinett und Kreidegästen. Papierröhren, die zwischen bunten Bildfahnen von der Decke hängen. Rostige Bodenspiegeldrehscheiben. Köpfe in Kübeln. Filigrane Latexfinger und Lämmer in Regalen in Reih und Glied.

Tief in die Kiste der Kreativität haben die Mitglieder des Berufsverbandes Bildender Künstler (BBK) Oberbayern Nord und Ingolstadt gegriffen, offenbar vom eigenen Konzept beflügelt. Winkte doch der Siegergruppe dieser gleichzeitig als Gruppenwettbewerb und Jahresausstellung fungierenden Schau "... mit Ziel Mallorca" die Reise nach dahin in die staatliche Galerie der Hauptstadt Palma.

Das Rennen gemacht haben, bestimmt durch eine überregionale BBK-Jury, Rudolf Ackermann, Beatrix Eitel, Thomas Neumaier, Christa Rausch, Konrad Risch und Viktor Scheck: Jene Gruppe, die unter dem Titel "cajas magicas" einen schlichten, großen Holzkasten als gemeinsame Vorgabe für individuelle Arbeit wählte. Flächiger Bildträger will die Kiste in auseinander montierter Form sein, wie bei Scheck, der seine "insula mea" aus gegenständlich eingeritzten Motiven (ein Vogel, ein anatomisches Herz) und abstrakter Landschaftsmalerei erschuf. Bergendes Behältnis, wie bei Neumaier, der Kunstgras und ein sich drehendes grünes Nestknäuel unter eine rote Nachttischglühbirne und Vogelgesang bettet: "Island Box".

 

Oder Rahmen wie in Beatrix Eitels verblüffender Installation - eine der gelungensten Arbeiten der Schau. Sage und schreibe 60 Mittelmeerinseln sägte sie als Negativform aus 60 Sperrholzplatten aus, die sich nun wie Dias aus dem Projektor seitlich aus der Kiste ziehen lassen. Und im Durchblick von vorn nach hinten geheimnisvoll krösige Innenkörperlichkeit bilden. Dazu Rauschs zum langen Querformat gefügte und fotofarbtapezierte Kiste (wunderbarer Momenteindruck vielleicht flatternder Wäsche unter Bäumen), Ackermanns leinwandbespanntes bedrucktes Exemplar, Rischs zum Boot für seltsam dunkle Holzobjekte gewordene "caja": Sie werden im Herbst als Sieger nach Mallorca reisen.

Wahrer Gewinner des Projekts aber dürfte der Harderbastei-Besucher sein, der die regionalen Künstler endlich wieder einmal geschlossen motiviert erlebt. Auch außerhalb der Siegergruppe zeigt sich originelle Qualität. So in der stringenten Gemeinschaftsarbeit von Richard Gruber, Roswitha Prem, Matthias Schlüter, Hanni Goldhardt und Helga Dick, die die sinnliche, komische Riesentafel schufen und dabei konsequent auf Einzelnennungen verzichteten; so in vielen individuellen Arbeiten, Dagmar Hummels fotoglasmalerische Heiligenbilder, Norbert Zagels riesige Gewinde, Babette Ueberschärs Handvariationen - viel gibt's an Mallorca zu entdecken.




Karin Derstroff

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Zeitungsartikel im Donau-Kurier zu meiner Ausstellung in der Harderbastei 2005

Reise durch Kleiderbügellabyrinthe: Beatrix Eitel in der Harderbastei
 

Ingolstadt (DK) Sie machen Musik: die Klangperformerin Limpe Fuchs und die Künstlerin Beatrix Eitel. Die eine zur Vernissage und später noch einmal in einem Konzert mit "Saiten, Röhren, Stäben", die andere vier Wochen lang mit Draht, Pinsel, Baumwollstreifen. Rhythmus, sagt Eitel während des Aufbaus ihrer Ausstellung in der Harderbastei, sei wesentlich für sie in ihrer Arbeit; nicht zufällig liefert die renommierte Experimentalmusikerin Fuchs also das Rahmenprogramm zur Schau, die sie auch einbezieht in ihre Klangperformance. Akustische zu optischen Kompositionen - denn als solche versteht Eitel ihr aktuelles Werk.

Das huldigt, in zweidimensionalen und dreidimensionalen Exponaten, der Linie, die die 41-Jährige auf beiden Ebenen fortschreibt zu seriellen Pattern. Weil Draht eben diese Linie lebt, ist er derzeit das bevorzugte Objektmaterial der studierten Grafikerin - nach Alltagswegwerfdingen wie Teebeuteln, Kaffeefiltern oder Joghurtbechern. Nah an der Zeichnung, die Eitel eigentlich verstärkt betreiben wollte, liegt der Draht und ist so etwas wie ein Kompromiss zwischen dieser Absicht und Eitels Drang, Dinge bienenfleißig in künstlerische Form zu hängen, ketteln, fügen. "DrahtZeichnung" heißt das Resultat im Ausstellungstitel treffend.
Drahtzeichnung also: eine Art Atommodell aus Sektkorkenkörbchen. Reliefbilder aus dem gleichen Material, in Serie sich vom Chaos zu innerer Ordnung fügend.

 

Kleiderbügellabyrinthe, lineare Werke aus Drahthängern, die in fast floralen Bildern ihre eigene mysteriöse Form behaupten. Denn Eitel biegt und ändert nichts, sondern fixiert die Bügel lediglich einen an den anderen. Worauf prompt deren Prototypik zusammengeht zu fast traditionellen Mustern. Haken winden sich zu stilisierten Blumenkränzen, Einbuchtungen schreiben schwungvolles Design. Das ist Umdeutung von Alltagsmaterial und zugleich Bügel exemplarisch!

Geschrieben wird übrigens auch in den wirklichen Zeichnungen den Drahtarbeiten gegenüber. Rhythmisch, mit dem Pinsel, in horizontaler Linien- und Schlingenführung, vertikal in blassen Tuschetupfen, locker und konzentriert zugleich; Schulübungen quasi mit verblasster Tinte. Das ist manchmal fast etwas zu hübsch - und findet seine Bestform als Prinzip im Nebenraum und einer anderen Erscheinungsform.

Die Überraschung dieser Schau: Installation. Schnüre an Schnüren, stoffstreifenbeknüpft, den Raum füllend wie ein großes, sanft der Schwerkraft folgendes Netz und doch dessen Gewölbeform nach unten hin zitierend. Sanft zittert Licht Schatten hinzu: Sah man dieses Zimmer je so deutlich, Eitels Kunstideen so präsent?

Karin Derstroff